Gandhi Ashram und die letzte Zeitzeugin

Dieser Name steht wie kein anderer für Indien – Mahatma Gandhi. Seine Rolle bei der Selbstfindung der indischen Nation und der Weiterentwicklung des passiven Widerstandes ist unschätzbar wertvoll.

1936 gründete er in der Mitte Indiens seinen letzten Ashram, in Sevagram nahe Wardha. Das „Kommune“-Leben Gandhis mit seinen Anhängern bot ihm auch die Möglichkeit, seine Ideen in der Gemeinschaft auszuprobieren.
Gandhis einfache, teils asketische Lebensweise resultierte aus der Erkenntnis des Hinduismus, dass Besitzstreben auf dem Weg zur Erlösung aus der Reihe der Wiedergeburten hinderlich ist. Wahrheit war für ihn der oberste Maßstab seines Handelns, was sich auch in den Ashramregeln (fast ein wenig wie die 10 Gebote verfasst) als Gebot 1 niederschlägt. Seine Vision für Indien war die eines Indiens der Dörfer, eines Agrar basierten Gesellschaftssystems. Schon sein Freund Nehru, der erste Ministerpräsident Indiens, entschied sich dagegen und heute ist Indien eher ein Indien der Shops mit auch daraus resultierenden, massiven Umweltproblemen.
Sevagram ist noch heute ein aktiver Ashram, dass hatte uns hierher geführt. Wir bezogen ein einfaches Zimmer im Yati Ninas Gästehaus, der zum Ashram gehört. Im vorderen Teil des Ashrams sind die originalen Häuser, die Gandhi teils selbst entworfen hat, gut gepflegt als Museum hergerichtet. Zwischen den Häusern befindet sich eine Freifläche, die Gandhi als Versammlungs- und Gebetsplatz nutzte, den Prayer Ground. Jeden Abend findet dort eine Andacht statt, der wir beiwohnen durften.
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reise-ansichten Gandhi Ashram Sevagram
Prayer Ground mit Gandhis eigenem Haus im Hintergrund, links der von ihm 1936 gepflanzte Baum
reise-ansichten Gandhis Kuti Sevagram
Gandhis Kuti (Wohnhaus)
Eine wunderbar stille, besinnliche Atmosphäre liegt über dem Platz, auf den ausgelegten Stoffbahnen sitzen ungefähr 10 Menschen. Es werden einige Lieder gesungen, danach folgt das Vaterunser in Englisch und eine Lesung. Mein Blick geht immer wieder auf einen majestätischen Baum direkt vor dem Prayer Ground, den ein Schild ziert: 1936 von Bapu (Gandhi) gepflanzt. Ein schöneres Symbol für die Verbindung von Himmel und Erde – betrachtet man einmal die ausladenden Äste und Wurzeln mit der Konzentration im Stamm – und als Zeichen Gandhis für eine nachhaltige Lebensweise, kann ich mir hier kaum vorstellen.
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reise-ansichten Gandhi Ashram
Nach dem Ende der Andacht fällt uns eine sehr alte Frau auf und in einer kurzen Unterhaltung mit ihr erfahren wir, dass sie Gandhi noch selbst erlebt hat. Kusma kam 1945 mit 13 Jahren in die Schule des Ashrams und lebte seitdem auch dort. In einem lang gestreckten, einfachem Gebäude mit Garten direkt gegenüber dem Player Ground wohnt sie. Kusma ist eine kleine, zarte Frau mit sehr wachen Augen und klarem Verstand. Wir verabreden uns für den morgigen Vormittag zu einem Gespräch.
Gegen 9 Uhr sitzen wir gemeinsam auf der Veranda von Gandhis erstem Haus in Sevagram. Mit leiser Stimme, in für mich manchmal recht schwer verständlichem Englisch, spricht sie mit uns. Das Spinnen und Weben, das für Gandhi sowohl aus pragmatischen wie aus idealistischen Gründen sehr wichtig war, hat sie noch aktiv ausgeübt. Heute macht das niemand im Ashram mehr, erzählt sie. Namen wie Vinoba, Bajaj und Nehru fallen, Menschen denen an anderen Orten Indiens große Museen und Gedenkstätten errichtet wurden. Sie alle saßen wie wir hier auf dieser Veranda.
Wie schade, das ich mich nicht noch intensiver mit Gandhis Leben beschäftigt hatte, aber mit einer Zeitzeugin hatte ich nicht mehr gerechnet. So bleibt weniger die Information als die beeindruckende Atmosphäre unserer Unterhaltung in Erinnerung.
1946 verließ Gandhi den Ashram, 1947 wurde Indien aus den Klauen der Kolonialherrschaft entlassen und 1948 starb Gandhi, von den Kugeln eines fanatischen, hinduistischen Attentäters getroffen mit den Worten „Hi Ram“ (Mein Gott) im Garten des Birla House in Delhi. Heute ist es eine sehr berührende Gedenkstätte und Museum, das ebenso einen Besuch lohnt wie der Ashram in Sevagram.
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Reiseblog Tips zum Gandhi Ashram in Sevagram
  • Sevagram hat einen eigenen Bahnhof, der unglaublich gut gepflegt ist, indem aber nur wenige Züge halten. Vom geschäftigeren Bahnhof Wartha sind es wenige Kilometer mit dem Oto nach Sevagram.
  • Hotels sind in Wartha Mangelware beziehungsweise wenig empfehlenswert. Es lohnt also doppelt, sich per Email im Ashram anzumelden um dort zu wohnen: sevagram_ashram@yahoo.in  Als Paar wohnt man im Yati Ninas, für Einzelreisende gibt es auch wenige Zimmer nahe des Prayer Ground.
  • Der Besuch des Ashrams ist kostenfrei, Spenden werden aber gerne gesehen. Da der Ashram auch sozial engagiert ist, nutzt Eure Spende auch dort.
  • In Wartha befinden sich noch Werkstätten, in denen auch die Spinnräder hergestellt werden. Gleich in deren Nähe liegt die Gedenkstätte mit Museum von Jamnalal Bajaj, ein enger Weggefährte Gandhis, der zeitweilig auch ein Haus im Ashram bewohnte.

One thought on “Gandhi Ashram und die letzte Zeitzeugin”

  1. Hallo!
    Wir haben eben den Artikel gelesen und fanden ihn sehr gut geschrieben und hoch interessant. Liebe Grüße, Elke und Heidrun

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