Keine Angst vor Indien

„Nach Indien traue ich mich nicht“, sagen selbst viele erfahrene Asienreisende.

Schreckensbilder von sterbenden Menschen auf den Straßen, furchtbarer Armut, Schmutz und nicht zuletzt die Nachrichten über Gruppenvergewaltigungen sind, zugegeben, nicht gerade einladend. Auf der Habenseite stehen die Bilder uralter Hochkulturen, Bilder aus 1001 Nacht, die interessanterweise eher in Indien als in Arabien zu finden sind, die grösste Demokratie der Erde und eine exotische Küche.
Trotz intensiver Beschäftigung mit indischer Geschichte, Kultur und Neuzeit, haben wir Indien bewusst an das Ende unserer Reise gelegt. Die Schreckensbilder hatten auch bei uns für eine gewisse Unsicherheit gesorgt.
Beim Anflug auf Delhi war die Dunstglocke unübersehbar. Nach offiziellen Angaben der UN hat Delhi die höchste Luftverschmutzung weltweit, da kann selbst Peking nicht mithalten. Der Flughafen war dann die erste Überraschung – großzügig gebaut, sehr sauber, die Beamten der Einreisestelle sehr freundlich und entspannt. Auf der abendlichen Taxifahrt durch Delhi ein eher ruhiger Verkehr, nur die Vermüllung der Stadtlandschaft ist deutlich größer als im Rest Asiens. Ein Blick in die Zukunft Südostasiens, denn es gibt auch dort nicht einmal ein Bewusstsein für das Problem.
Indien ist so gross wie Kerneuropa ohne Skandinavien. Und genau so unterschiedlich. Von ewigem Eis bis zur tropischen Klima, von Bergen, Wüsten bis zum Dschungel ist alles vorhanden. Zwei der 29 Bundesstaaten in Indien seien kurz herausgegriffen.
Rajastan zählt zu den Touristenhotspots westlicher Touristen in Indien. Hotels und Restaurants, die sich auf deren Bedürfnisse eingestellt haben, gibt es reichlich. Traumhaft entspannte, ruhige Orte, wie Pushkar oder das den Besucher mit Märchenbildern verzaubernde, quirlige Jaisalmer machen das Ankommen in Indien für den Besucher leicht. Die Kehrseite des Tourismus zeigt sich bei den menschlichen Kontakten; die Händler sind manchmal aufdringlich, die nicht so zahlreich wie befürchtet auftretenden Bettler ebenso. Die Menschen sind teilweise von den Besuchermengen und deren Verhalten genervt.
 .reise-ansichten Rani Ki Vav
 .
Im westlich gelegenen Gujarat, einem Bundesstaat mit sehr wenig westlichem Tourismus, machen wir andere Erfahrungen. Es gibt nur wenige Hotels, die Zimmer sind gut ausgestattet, aber der deutsche Sauberkeitssinn muss abgelegt werden. Andererseits; auf dem ersten Gang durch die Innenstadt in Patan guckt nahezu jeder Inder zu mir, lächelt mich an, winkt mich heran, will mir die Hand schütteln und oft auch ein Foto von sich gemacht haben. Keiner ist aufdringlich, will mir etwas verkaufen oder Geld von mir. Eine umwerfende Erfahrung, diese Offenheit und Freundlichkeit, aber natürlich am Anfang auch anstrengend. Größere Entfernungen, mit einem Ziel vor Augen, zu Fuss zurücklegen zu wollen geht nicht. Entweder man brüskiert die vielen Kontaktsuchenden oder es dauert Stunden. Aber das preiswerte Tuk Tuk, hier Oto genannt, hilft aus dem Dilemma…
 .reise-ansichten Patan
Es gibt noch sehr viel mehr zu entdecken, vor allem eines – Indien ist ein entspanntes Land. Das ist für den sich ständig selbstoptimierenden Europäer durchaus eine Lernkurve.
.
Tips zu Indien
  • Mit Entspanntheit, Respekt und einem offenem Lächeln ist fast alles möglich, Aggressionen sind fehl am Platz.
  • Entspanntheit heisst nicht, dass nichts funktioniert. Es kann schon mal sein, das der Zug eine oder mehr Stunden Verspätung hat, aber meist kommt er pünktlich. Alle sind bisher erfolgreich bemüht gewesen, dass wir bekommen was wir brauchen.
  • Indien ist ein Land der tolerant gelebten Religionen und damit gerade in dieser Zeit ein Beispiel für die Welt. „Schuhe aus“ an heiligen Orten und ein freundliches Namaste mit den gefalteten Händen wird von den Hindus freudig entgegnet. Die Moslems haben einen eigenen Gruss; eine Hand aufs Herz und Lächeln tut es aber auch.
  • Außerhalb der Touristenhotspots gibt es kaum europäische Küche und die Köche sind auf dem „No Spicy“ Ohr oft taub. Da hilft nur eine sehr deutliche Ansage und gegebenenfalls die Beratung durch den Kellner, welches Gericht nicht scharf herstellbar ist. Die Hygiene bei der Essenszubereitung ist bemüht gut. Naturgemäß kommt es bei Straßenständen eher zu Problemen, wir hatten in 4 Wochen nur einmal einen einfachen Reisedurchfall.
  • Alleinreisende Frauen sollten das offene Anlächeln auf Frauen und Kinder beschränken. Männer könnten das falsch auffassen. Tagsüber scheint Indien sehr sicher, bei Dunkelheit unbelebte Gegenden besser meiden. Das selbe gilt für Züge – meist sind diese voll und es reisen ganze Familien mit, da besteht keine Gefahr. Bisher gab es, auch wenn Dana alleine unterwegs war, nicht einmal den Versuch eines Eve Teasings oder eines Taschendiebstahls.

Reiseblog Nachtrag nach 4 Monaten Indien: Die oben beschriebenen Erfahrungen haben sich bestätigt. Aus den Reisedurchfällen sind zwei geworden. Unser nicht geplanter Aufenthalt Nachts in Mumbai, inklusive Fahrten nachts um 2 Uhr mit der Vorortbahn, waren absolut unproblematisch. Wenn wir uns ob des richtigen Zuges kurz unsicher umsahen, gab es immer wieder freundliche Inder, die uns den richtigen Weg wiesen.
Nach dem Ende unseres Indienaufenthaltes hat uns die Diskrepanz des Indienbildes in Deutschland und unsere erlebte Wirklichkeit keine Ruhe gelassen. So haben wir dem über Indien geplanten Reisevortrag, schließlich bin ich ja Fotograf und Filmemacher, die Überschrift dieses Reiseblog Artikels gegeben: keine angst vor indien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *