Varanasi

Beißender Rauch steigt uns in die Augen. Eben entzündet ein weiß bekleideter Mann einen Holzstapel und die Leiche darin beginnt qualmend zu verbrennen.

Es ist der letzte Schritt und die Aufgabe des ältesten Sohnes, Mutter und Vater so zu verabschieden.
Ein dutzend Feuerstellen ist weitgehend heruntergebrannt, neu aufgebahrte, in weiße Tücher gehüllte und mit Blüten geschmückte Leichen werden auf Tragen gebracht. Hunde und Kühe streunen dazwischen herum, sind unter den Menschen, wie überall in Indien. Alles in schwarz vom ewigen Feuer, der Boden überzogen von einer Schicht aus Asche, Dreck und Holzresten. Meterhohe Holzstapel wohin das Auge blickt. In all dem ein Zeugungsakt – der Bulle und die Kuh. Leben, Tod und der Neubeginn, alles an einem Ort, dem Manikarnika Ghat.
Varanasi.
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reise-ansichten Varanasi Manikarnika Ghat
Manikarnika Ghat, der größere der beiden Verbrennungsghats
Der heilige Ganges ist unlösbar mit Varanasi verbunden. Leben, Tod und Neubeginn finden hier statt. Das rituelle Bad wird genommen, tote Tiere hineingeworfen, die Körperpflege verrichtet, gestorbene Sadhus versenkt, die Wäsche gewaschen, das Wasser für den Tee geholt, die Reste der Leichenverbrennungen entsorgt, der Fisch gefangen, die Opfergaben dargeboten und die menschlichen Ausscheidungen entsorgt.
Varanasi.
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reise-ansichten Varanasi Aarti
Ein Spektakel für Touristen und Einheimische – das abendliche Aarti am Gangesufer
Was dem einen wie der Vorhof zur Hölle scheint, ist dem anderen Moksha. Wer als Hindu das „Glück“ hat, in Varanasi zu sterben, erfährt Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.
Wer als Reisender nach Varanasi kommt, ist in der Regel vorgewarnt. Doch ordentliche Hotels und Restaurants gestalten den Aufenthalt angenehm und erlauben eine Rückzugsmöglichkeit, wenn die emotionale Ebene überlastet zu werden droht.
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Varanasi ist für mich Alptraum und Faszination zugleich gewesen. Alptraum, weil ich hier lernte, was Menschen und Tiere an Lebensumständen aushalten. Faszination, weil Leben hier archaisch und essentiell ist. Leben ist Zeugung, Geburt, Lieben, Religiosität und Tod. Sich mit Fragen zu beschäftigen wie „welches Hemd ziehe ich heute nur an“, wirken absolut irreal in dieser Stadt. Und werden sich natürlich trotzdem manchem Bewohner dieser Stadt morgendlich stellen.
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Varanasi ist nicht Indien. Varanasi ist eher eine Potenzierung einzelner Elemente indischer Lebensweisen wie Religiösität, Schicksalsergebenheit, Überbevölkerung und Umweltverschmutzung in der ältesten, ununterbrochen bewohnten Stadt der Welt.
Varanasi muss man erlebt haben – und sei es nur für einen Tag.
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Reiseblog Tips zu Varanasi
  • Varanasi wird von Backpackern und Bildungsreisenden aus aller Welt besucht. Auch in Sachen Touristennepp ist es extrem. Schlepper und Nepper sind außer am frühen Morgen immer um einen. Die Preise sind oft drastisch überhöht. Besonders beliebt ist es, Oto- oder Bootsfahrten auch bei Paaren nur pro Person anzubieten und dann am Ziel alles mal zwei zu nehmen.
  • Hotels möglichst immer selbst aussuchen und schon vorher buchen, das erspart einem durch Schlepper überteuerte Zimmer. Ab 700 Rupien gibt es ordentliche Zimmer.
  • Die Altstadt Varanasis ist ein Labyrinth. Für den Anfang ist es durchaus sinnvoll einen Guide zu nehmen. Wir haben für einen halben Tag 250 Rupien bezahlt.
  • Vorsicht bei Regen, der Boden ist dann verschlammt und extrem glatt! Wem dann auf einer der steilen und langen Treppen ein Misstritt passiert, braucht möglicherweise keinen Rückflug mehr.
  • Empfindliche Nasen sollten nur von November bis Februar reisen, die Gerüche sind auch dann schon manchmal atemberaubend…

reise-ansichten Varanasi Altstadt

2 thoughts on “Varanasi”

  1. Ich hoffe ehrlich Ihr habt auf den Tee verzichtet und reist alsbald weiter in ruhigere, etwas saubere Gefilde.
    Die Bilder sind toll, welche Farben!

    1. Hallo Heike,
      wir haben den Tee genossen, auf den Fisch allerdings verzichtet. Ob der Tee mit heiligem Wasser bereitet wurde oder mit Trinkwasser, wer weiß…
      Gruß Peter

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