Tiger, Geister und Menschen in Buxa

Der Sammeljeep von Jaigaon nach Buxa fährt nur einmal am Tag und ist deshalb bis unter das Dach vollgestopft mit Reisenden und Gepäck. Wer hier während der Fahrt einschläft, nutzt ganz natürlich die Schulter des Nachbarn.

Als wir in Santalabari Village, am Eingang zum Buxa Tiger Reserve Forest ankommen, wissen wir kaum etwas über die Gegend, es gibt nur wenige Informationen aber einen Eintrag im Satellitenbild. Mit einem winzigen Bus, wieder vollgestopft mit Einheimischen, Pilgern aus Bhutan und uns geht es von der Endhaltestelle des Jeeps ein Stück den Berg hinauf, dann ist die Fahrt zu Ende und ein Fußmarsch bergauf beginnt. Schaut man zurück, sieht man schon jetzt nur noch Natur. Santalabari ist verschwunden, Baumriesen ragen aus dem dichten Wald, ein Flusslauf bahnt sich seinen Weg durch die Landschaft.

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Dobana Homestay

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Wie schon sehr oft in Indien, treffen wir auf dem Weg einen sympathischen Einheimischen, der unsere weitere Reise bestimmt. Er ist Guide im Nationalpark und wohnt in einem der Dörfer des Parks. Über ihn finden wir das Dobana Homestay, ein kleines Holzhaus mitten im Park am Fuße eines Berges, auf dem sich Buxa Duar Village befindet. Hier lebt die bengalische Familie, die uns das Zimmer vermietet. Da wir kaum Informationen zum Park hatten, sind wir auf diese Art Aufenthalt nicht gut vorbereitet. Wir haben weder Lebensmittel, noch Kochgeschirr, noch ausreichend Trinkwasser dabei, um uns in der offenen Küche des Homestays selbst zu versorgen. Wir begeben uns ganz in die Obhut der Familie und werden sehr gut bekocht und liebevoll versorgt. Am Morgen gehen wir hoch ins Dorf, erleben die Familie beim Tee in ihrem Haus und lernen die Nachbarn kennen. Das Haus wurde vor über 50 Jahren vom Großvater erbaut, der hölzerne Fußboden hat mittlerweile eine besondere, schöne Patina, die Wände sind zart Mintgrün gestrichen. Die ebenso farbige Veranda bietet vielen Blumentöpfen und einigen Ellenbogen Platz, um zu sehen, wer ins Dorf kommt. Die Küche befindet sich in einer überdachten aber offenen Hütte hinter dem Haus. Das Kochgeschirr aus Edelstahl hat seinen festen Platz auf den hölzernen Balken, die die Wände mit einander verbinden. Der Lehmboden ist so sauber, das man getrost den Chapati Teig darauf ausrollen könnte. Über dem Feuer hält eine Kochstelle aus Ton den Kessel, den Topf oder die Pfanne. Die dreiköpfige Familie teilt sich zwei Zimmer.

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Auf dem Hof leben Hühner, Ziegen und es gibt einen Grabstein aus der Zeit, als die Engländer das alte Buxa Fort als Gefängnis für indische Freiheitskämpfer nutzten. Später war das Fort Zuflucht für Flüchtlinge aus Tibet und Bangladesh. Ein paar Häuser weiter lebt der Großvater der Familie. Er ist in seinem hohen Alter gehörlos und sieht kaum noch etwas, kann aber durch die Nähe zu seiner Familie gut allein leben. Als wir durch das Dorf gehen, sehen wir, wie er sich langsam am Haus entlang in seinen Garten tastet. Die kleinen Gemüsebeete sind dicht bepflanzt und Gurken und Flaschenkürbisse wachsen üppig durch die Gartenlandschaft, über dem Ort liegt ein angenehmer Frieden…

Zum Lunch kommt die Familie zu uns auf die Veranda und am Abend kommt unser Guide mit einem kleinen Abendessen zu uns. Als die Zimmernachbarn ausziehen, übernachtet er neben an. Er erzählt uns von Geistern, wegen denen er besser bei uns bleibt.

Am Sonntag bin ich eingeladen mit der Familie zum Gottesdienst in ihre Kirche zu gehen. Da sie zu den wenigen Christen in Indien zählen, ist es für mich sehr interessant mitzuerleben, wie sie ihren Sonntagvormittag verbringen. Ich mag die Stimmung in der einfachen, grün gestrichenen, hölzernen Kirche. Es wird viel gesungen und sogar das sehr persönlich wirkende Gebet ist ein gemeinsamer Gesang, in dem jeder seinen „Text“ selbst bestimmt. Die Hände sind bittend Richtung Himmel erhoben und ich habe das Gefühl, hier ist der Himmel nicht leer und sie sind dem Göttlichen ein Stück näher – ich wünsche ihnen sehr, das ihre Gebete erhört werden.

Die Region in Westbengalen nahe der Grenze zu Bhutan ist arm, das Dorf hat keinen Stromanschluss aber zum Glück fließendes Wasser. Es gibt keine Fernseher, keine Computer; einige Lebensmittel bekommen die Menschen per Lebensmittelkarte in Santalabari. Alles was gebraucht wird, muss in großen Kiepen den Berg hoch getragen werden. Die Kinder fahren weit, um die nächste Schule zu erreichen. Aber die Menschen sind sehr fröhlich, permanent in ihrer Dorfgemeinschaft beschäftigt. Der eine baut ein Haus, der andere erneuert das Dach, alle helfen mit. Sie nutzen die Natur, kennen die essbaren Pflanzen, holen sich Brennholz, manchmal jagen sie leider auch die Tiere im Park. Und ab und zu kommen Touristen hier her, die schlecht vorbereitet sind und sehr gut bekocht und liebevoll versorgt werden und gern dafür bezahlen.

Neben den liebenswerten Menschen hat uns die Natur mit besonderen Augenblicken verwöhnt. Am Morgen lagen Nebel über dem Fluss, die langsam dem Sonnenlicht Platz machten. Am Tage kamen Affen, grell grüne Papagaien, Kühe, Ziegen und Schweine an unserer Hütte vorbei. Am späten Abend breitete sich ein weiter, klarer Sternenhimmel über uns aus, es gibt einfach kein ablenkendes Licht mehr.

Als wir uns in Buxa verabschieden, ist der Abschied warm und herzlich. Es gibt ein letztes gutes Frühstück, mit einem besonderen in Öl gebackenem Roti (Brot), das einer Brezel gleicht. Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder, um dann mit unserem Guide an der Grenze zu Bhutan entlang zu wandern. Die versprochenen Tiger und vermuteten Geister haben wir nicht gesehen aber viel über das Leben der Menschen in Buxa erfahren.

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2 thoughts on “Tiger, Geister und Menschen in Buxa”

  1. Hallo,Dana
    schade, dass ihr keine Tiger gesehen habt. Auch ich finde deine Beschreibungen der Erlebnisse sehr anschaulich. Also wir sind jedenfalls immer mit dabei, dank deiner Fotos und der Erläuterungen.
    Gruß Margit

  2. Liebe Dana, Du hast wieder sehr einfühlsam (zum Miterleben) geschrieben. Die Menschen dort im Dorf wären von Deiner Beschreibung sehr gerührt. Liebe Grüße, Elke

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