Bus- oder Bahnfahren, das ist hier die Frage!

Ein Fazit vorne weg – wer mit wenig Geld reisen möchte, dem bleibt als Ausländer in Vietnam nur das Busfahren.

Busverbindungen gibt es in nahezu alle Orte touristischen Interesses für kleines Geld. Die billigste Möglichkeit ist ein Open Tour Ticket mit dem man unter Einschränkungen für rund 30 Dollar von Hanoi nach Saigon oder umgekehrt fahren kann. Inklusive einer Anzahl Zwischenstopps. Einfach im Hotel vor Ort fragen. Unschlagbar günstig.

Wir haben normale Bustickets über unsere Hotels buchen lassen, was stressfrei war und immer perfekt funktioniert hat.

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reise-ansichten Busbahnhof

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Die nächste Entscheidung des Reisenden heißt Tag- oder Nachtbus. Wer tagsüber reist, sieht viel, verbringt aber je nach Streckenlänge den Tag im Bus. Der Nachtbus oder Sleeperbus fährt abends los und man kann nachts schlafen. Oder es jedenfalls versuchen. Im Gegensatz zum Fahrgefühl unserer Tagbusse, sanft schaukelnd, fast behutsam durchs Land gefahren zu werden, muss unser Nachtbusfahrer angesichts des Vollmondes seine dunkle Seite ausgelebt haben. Mehrmals in der schlafarmen Nacht habe ich mich instinktiv in meinem Liegesitz verkeilt, um diesen nicht flugartig zu verlassen. Die Liegesitze sind in drei Reihen und zwei Stockwerken im Bus verteilt und für den vietnamesischen Normalmenschen entworfen. Das heißt ab 170 cm Körperlänge wird es eng. Fanden wir mit über 180 cm noch gar nicht so schlimm, aber ab 190 cm oder größerer Körperfülle geht das nicht mehr! Tip: Wenn möglich den Liegesitz unten und im mittleren Teil des Busses buchen, dies wurde uns so auch von anderen Reisenden bestätigt. Ganz hinten ist ganz übel, Schlaglöcher schlagen voll durch, Motorlärm und -wärme und das hinten liegende Klo sind auch keine angenehmen Schlafbegleiter.

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reise-ansichten Bahnfahrten Vietnam

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Bahnfahren ist ganz anders. Und ich kann es nicht leugnen, auch beim Blick auf das weinende Portemonnaie, einfach schöner. Die Tickets kosten satt das doppelte eines Bustickets. Auf dem Bahnhof in Da Nang angekommen, haben wir uns erst gewundert, warum wir fast die einzigen Touristen unter sonst nur vietnamesischen Fahrgästen waren. Geld spielt hier keine Rolex? Beim Busfahren waren wir fast nur unter Touristen. Mehr zufällig sahen wir dann auf unseren Bahntickets unter dem Aufdruck „Foreigner“ den sorgfältig überklebten Normalpreis von 218.000 Dong (ca. 9 Euro). 570.000 Dong (ca. 23 Euro) hatten wir gezahlt.
Akzeptiert.

Die Bahnstrecke, es gibt ja eigentlich nur eine von Nord- nach Südvietnam, wird von etwa 10 Zügen pro Tag befahren. Die Strecke stammt noch größtenteils von den Franzosen, wird aber liebevoll gepflegt und ist in kleinen Abschnitten auch schon erneuert. Die Wagen sind alt, die Einrichtung eine Zeitreise über mehrere Jahrzehnte. Der Speisewagen mit der integrierten Küche, ein schwarzes Loch im vorderen Teil des Wagons, spuckt zu den Essenszeiten frisch zubereitete Gerichte in einer Menge aus, die schier unfassbar scheint. Menschenhoch bepackte Wagen mit Essensportionen werden durch die engen Gänge bugsiert, es riecht gut und es wird zugegriffen.

Die Wagen sind voll besetzt, kein Sitzplatz bleibt frei, aber es muss auch niemand in den Gängen stehen. Wir hatten die stilechte Holzklasse gebucht, nachdem die Softseater schon ausgebucht waren. Nach sechs Stunden Bahnfahren war der Zug auf die Minute pünktlich. Übrigens die gleiche Erfahrung beim Busfahren: die Organisation ist perfekt, selbst komplizierte Touren wie von Hanoi nach Cat Ba (Ha Long Bucht) mit umsteigen von Bus-Bus-Schnellboot-Bus dauert genau seine angegebene Zeit, nicht eine Minute haben wir sinnlos irgendwo rumgestanden. Allerdings sind die Fahrzeiten bedeutend länger als in Deutschland, mehr als 50 km pro Stunde ist weder mit Bus noch Bahn erreichbar, oft weniger.

Das Bahnfahren selbst unterscheidet sich auch wesentlich in den Bildern, die dem Reisenden geboten werden. Während, zumindest im dicht besiedelten Küstenbereich, Häuser nahezu durchgängig die Straßenränder füllen, führt die Bahnstrecke über große Abschnitte durch wunderschöne Kulturlandschaften, der Blick ist grün und weit und vielfältig. Auf den langen Bahnstrecken entsteht ein fast familiäres Zusammengehörigkeitsgefühl der Passagiere. Es wird gegessen und getrunken, geschlafen, gespielt – gelebt eben. Ein Familienvater, der sich ganz plötzlich neben mich setzte und ein Foto in der Pose alter Freunde aufnehmen ließ, passte später genau auf, das wir rechtzeitig unser Gepäck zusammenpackten, bevor unser Zielbahnhof in Sicht kam. Ganz ohne Worte waren wir für diese Fahrt adoptiert.
Danke!

Das Fazit zum Ende – wir werden es wieder tun, das Portemonnaie bekommt vorher etwas extra zugesteckt.

Reiseblog Tips zum Bahnfahren

  • Tickets am Bahnhof selbst kaufen oder mit Aufschlägen über Hotels/Agenturen kaufen lassen
  • Vier Klassen sind möglich: Hardseater (Holzbänke), Softseater (gepolsterte Sitze), Hardsleeper (Sechs Betten), Softsleeper (Vier Betten)
  • Züge mit Kennung SE am Anfang sind komfortabler und schneller
  • Zumindest in den SE Zügen haben alle Klassen Klimaanlage

Diese Seite bietet sehr gute Informationen über Bahnreisen in aller Welt:  www.seat61.com

 

Nachtrag: Local Bus

Einen hab ich noch, die Fahrt mit dem Local Bus. Wer noch einen Schub Adrenalin braucht, ist hier richtig. Am Busbahnhof hatten wir uns gefreut, das wir die einzigen Ausländer in dem alten Ford Transit waren. Keine Gurte, keine Klimaanlage und außer uns nur drei vietnamesische Fahrgäste an Bord. Gemächlich ging es durch die Stadt, der an der Schiebetür sitzende Platzanweiser hing immer wieder aus der halb offenen Tür um Passagiere anzuwerben und Motorrollerfahrer zurechtzuweisen, die nicht schnell genug Platz machten. Die Stadt verlor sich langsam, das Tempo stieg und der Straßenzustand verschlechterte sich. Bisher war ich immer der Meinung die Fahrer fahren in Vietnam sehr materialschonend, denn Autos sind teuer.
Kurz und gut – im Laufe der achtstündigen Reise gesellten sich viele weitere Passagiere hinzu, bis zur Spitze von 21. Die letzten standen, weil inzwischen auch die beliebten Plastikhocker besetzt waren. Es wechselten sich Passagen gemütlichen Fahrens mit echten Rennabschnitten ab, der letzte gegen einen der größeren Busse, den unser vollbesetzt schließlich abhängte. Gegenverkehr beim Überholen? Egal, solange nur die Regel eingehalten wird, der Größere hat Vorfahrt. Daran hielt sich unser Chauffeur bis zum Schluss und so kamen wir unversehrt und um eine Erfahrung reicher an. Und duschen mussten wir sowieso, natürlich nur wegen der fehlenden Klimaanlage.

2 thoughts on “Bus- oder Bahnfahren, das ist hier die Frage!”

  1. Ihr schreibt tolle Berichte, viele interessante Infos, könnte glatt als Reiseführer durchgehen. Man hat das Gefühl ein Stück mitzufahren – supi!

    1. Hallo Heike,
      danke! Es ist einfach unglaublich spannend zu sehen, wie die Menschen hier leben, wo sind Gemeinsamkeiten und wo sind Unterschiede. Und letztlich haben wir bei den Reisevorbereitungen gesehen, wie wenig Informationen in deutsch im Netz zu finden waren. Und vietnamesisch kann ja auch nicht jeder lesen…
      Gruß, Peter

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