Bomben auf My Son

Da zuckt man als Deutscher erstmal – ein tausendjähriges Reich! Das Champa Königreich, hauptsächlich aus dem Volk der Cham bestehend, beherrschte einst den Süden des heutigen Vietnams.

Aus den Inselreichen des Pazifik kommend, gehören sie zur austronesischen Sprachfamilie mit über 1100 Sprachen. Piraterie und Sklavenhandel praktizierend, wurden sie dafür verständlicherweise immer wieder von ihren Nachbarn attackiert, deren Angriffen sie im 15. Jahrhundert erlagen. Vom Hinduismus geprägt, gab es eine kurze Epoche des Buddhismus und dann die Hinwendung zum Islam. My Son, schöner Hügel übersetzt, war eines der wichtigsten Religiösen- und Machtzentren der Cham.
Provokant formuliert ist My Son eine herausragende Möglichkeit die Wirkung von Bomben auf Gebäude mit 2 m dicken Ziegelmauern zu demonstrieren. Im Vietnamkrieg haben die USA My Son zur Free Fire Zone erklärt, was bedeutete, dieses Gebiet durfte ohne weitere Rücksprache beliebig unter Feuer gesetzt werden. So wurden wohl auch von anderen Einsätzen übrig gebliebene Bomben einfach dort abgeworfen. Ob es kriegsentscheidend sein konnte, einige alte Tempel von feindlichen Kämpfern zu säubern, möge jeder selber entscheiden.
Von den rund 70 die Zeit überdauernden Gebäuden“ standen“ nach 1975 noch etwa 20, viele davon nur noch als Ruinen. Im hinteren Teil My Sons ist ein Tempel, der wohl einen Volltreffer erhielt, unter einem Dach in diesem Zustand bewahrt – ein unendlich trauriger Anblick.
reise-ansichten My Son Tempel mit Bombentreffer
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Zwei Tempel und zwei Hallen sind bis zum Dach leidlich erhalten und auch von innen zu betreten, so daß man zumindest einen Eindruck der Raumatmosphäre hat. Ein weiterer Tempel ist restauriert, war aber zum Zeitpunkt unseres Besuches nicht geöffnet.
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reise-ansichten My Son restaurierter Tempel
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Leider sind auch hier, wie in den meisten Ausgrabungsstätten weltweit, die transportablen Kunstschätze in Museen ausgelagert worden. Auch wenn das Cham Museum in Da Nang einen Besuch sehr lohnt, finde ich es bedauerlich, letztlich beides, die Gebäude und die einzelnen Kunstwerke, auseinander zu reißen und damit zu abstrahieren.
Wahrscheinlich ist es eine Aufgabe der nächsten Generation der Museumsmacher diese überkommende Präsentationsform, zumindest bei so großen archäologischen Stätten, zu überwinden.
Wie inspirierend wäre es, wenigstens einen Tempel mit dem heutigen hohen Wissensstand der historischen Forschung möglichst vollständig zu rekonstruieren. Mit allem Inhalt bis hin zur Tonschale. Damit keine Irritationen entstehen, ich plädiere hier nicht für ein Disneyland. Die Trennung zwischen alt und rekonstruiert sollte stets sichtbar sein. Doch nur mit mehr Imagination werden sich auch in Zukunft die Mittel einwerben lassen, die für den Erhalt und die Erforschung der Kulturstätten notwendig sind. Vor allem aber würde die lokale Kultur gestärkt, die letztlich den Unterschied in einer immer gleicher werdenden, globalisierten Welt ausmacht. Diese Vielfalt ist für uns Menschen genauso überlebenswichtig wie die Artenvielfalt der Natur. Denn nur wo viele Wege offen stehen, finden sich die besten Lösungen für Probleme.
Ein kleines Beispiel dafür liefert My Son.
Die Bauweise der Cham Tempel aus Ziegeln unterscheidet sich von Ziegelbauten in europäischen Breiten. Eine spannende Frage lautete, warum die Bauten sich so lange so gut erhalten haben, zumal in dem sehr feuchten Klima. Laut Untersuchungen der Lerici Foundation (Italien) sind die Ziegel bei niedrigen Temperaturen in halb offenen Brennöfen relativ weich gebrannt worden. Die dabei entstehenden feinen Kapillaren sorgen für einen schnellen Feuchteaustausch. Außerdem waren die Ziegel extrem plan, was minimale Fugenbreiten erlaubte. Die Fugen sind erster Angriffspunkt für Feuchtigkeit und Pflanzen, die ein Bauwerk langfristig zerstören. Als Mörtel wurde das Baumharz vom Dau Rai Baum (Dipterocarpus alatus) verwendet, welches noch heute von vietnamesischen Fischern zur Abdichtung ihrer Rundboote aus Geflecht verwendet wird. Die alte Kultur lebt!
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reise-ansichten Rundboote Vietnam

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